Johann Walter – Person und Bedeutung

Johann Walter – Person und Bedeutung

(von Dr. Armin Brinzing, Salzburg)


Es ist ein nahezu einmaliger Fall in der europäischen Geschichte, dass ein Komponist so unmittelbar an einer religions- und zeitgeschichtlichen Umwälzung Teil hatte wie der 1496 in Kahla geborene Johann Walter. Als kirchenmusikalischer Berater Luthers und „Urkantor“ der evangelischen Kirche hatte er entscheidenden Einfluss auf die Geschichte der evangelischen Kirchenmusik. Seinem Sachverstand und seiner theologischen Bildung ist es maßgeblich zu danken, dass die Musik in der evangelischen Kirche seit Jahrhunderten von herausragendem künstlerischem Rang ist und wegweisend für den Fortgang der Musikgeschichte wurde. Prägend waren für Walter sicher die ersten Schuljahre in Kahla (und später in Rochlitz), welche die Basis für seinen weiteren Lebensweg bildeten. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, wurde sein Talent offenbar früh erkannt. Die Adoption durch einen wohlhabenden Kahlaer Verwandten ermöglichte ihm den Besuch der angesehenen Lateinschule und damit eine fundierte, nicht zuletzt auch musikalische Ausbildung.

Walters Andenken wurde in Kahla voller Stolz bewahrt, weist doch eine Chronik aus dem Jahr 1575 ausdrücklich darauf hin, dass aus der Lateinschule namhafte Gelehrte hervorgegangen seien, allen voran „der weltberühmte Komponist Johann Walter“. Die Verbindung von fundierter Schulbildung und musikalischer Begabung bildete den Grundstein für seinen Aufstieg zum „Komponist in der kurfürstlichen Kantorei“ Friedrichs des Weisen, Leiter und Organisator der Dresdner Hofkapelle des Kürfürsten Moritz, sowie Schul- und Stadtkantor in Torgau. Walter wirkte so auch maßgeblich an der Organisation der über Jahrhunderte hinweg bestimmenden drei Hauptsäulen des Musiklebens mit, deren Hauptaufgabe in der Pflege aktueller geistlicher Kunstmusik bestand: der höfischen Musikkapellen, der städtischen Kantoreien und der von den besonders begabten Schülern gebildeten Schulkantoreien.

Walters in enger Zusammenarbeit mit Martin Luther entstandenes „Geistliches Gesangbüchlein“, das seit 1524 in mehreren Auflagen erschien, markiert den Beginn einer eigenständigen protestantischen Kunstmusik. Luther selbst gab in einer Vorrede dazu den Weg vor, der für die weitere Geschichte der evangelischen Kirchenmusik prägend wurde. Der Gesang in der Kirche ist demnach auf der einen Seite Gotteslob und Verkündung des Evangeliums. Doch diese kirchenmusikalische Praxis sollte sich nicht auf das schlichte einstimmige Kirchenlied beschränken. Daher wurden die Kirchenlieder Luthers von Walter der aktuellen kompositorischen Praxis entsprechend vierstimmig polyphon komponiert und wurden so wegweisend für die evangelische Kirchenmusik. Hier unterscheidet sich die Musikauffassung Luthers und Walters entscheidend von den eher kunstfeindlichen Strömungen des frühen Protestantismus, die das einstimmige unbegleitete Kirchenlied anstelle einer kunstvoll polyphonen Realisierung bevorzugten. Gerade die gebildete Jugend sollte aber, so Luther, auch „ynn der Musica und andern rechten Künsten erzogen werden“. Luther wollte „alle Künste, sonderlich die Musica gerne sehen im Dienst des der sie gegeben und geschaffen hat“. Die Umsetzung dieser Überlegungen vertraute Luther Johann Walter an. Dieser wurde so zum Urbild eines evangelischen Kirchenmusikers, der sein Wirken als anspruchsvolle, den modernen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossene Kunst verstand, die freilich stets im Dienst des Evangeliums steht.

Walter war dabei auch ein mitunter unbequemer Zeitgenosse. Wo immer er es für nötig hielt, trat er für seine religiösen Überzeugungen mit Nachdruck ein. Als er nach Luthers Tod dessen Vermächtnis durch bestimmte Strömungen innerhalb des Protestantismus gefährdet sah, wandet er sich mit Dichtungen und Streitschriften an die Öffentlichkeit, um auf Missstände hinzuweisen. Dabei nahm er auch Konflikte mit seiner geistlichen und weltlichen Obrigkeit in Kauf. Hier zeigt sich uns eine Persönlichkeit, die in ihrem beständigen Ringen um den richtigen Weg, auch in religiösen und religonspolitischen Fragen, noch heute beeindruckt.

Da Walters Weg in Kahla seinen Anfang nahm, kann ich die Errichtung einer neuen Orgel, die seinen Namen tragen soll, und die Renovierung jener Kirche, in der er wohl seine ersten kirchenmusikalischen Erfahrungen als Schüler gemacht hat, nur auf das Nachdrücklichste unterstützen.

 




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