Die Wiege der evangelischen Kirchenmusik stand vor den Toren Kahlas

Die Wiege der evangelischen Kirchenmusik stand vor den Toren Kahlas:

Kantor Johann Walter wurde 1496 in der Blankenmühle geboren
(von Professor Dr. Joachim Stalmann, Hannover)

Die Geschichte der evangelischen Kirchenmusik begann mit einem Musiker aus Kahla. Er hieß Johann Walter und wirkte zuerst in Torgau und später in Dresden als „Sängermeister“. Ein Bildnis von ihm ist nicht erhalten. Aber Leben und Werk dieses Begründers evangelischen Singens und Musizierens wurden schon eifrig erforscht. Sein Geburts- und Sterbejahr überlieferte nur ein - inzwischen verlorengegangener - Grabstein : „geboren 1496 - gestorben 1570“. Er wurde nach heutiger Erkenntnis in der Blankenmühle an der Stadtmauer von Kahla geboren – wo seit dem 9. Juni 1996 seine Gedenktafel steht.

In seinem Testament vom 1. April 1562 vermacht Johan Walther der Elder sonsten Blankenmoller genannt seinen armen geschwistern und derselben Kindern 100 Rheinische Gulden und hinterlegt sie bei einem Erbaren Weisen Rath der Stadt Kala in doringen als meinem lieben Vatterlandt. Er nennt drei Brüder und eine Schwester. Einer ist ansässig in „Borschitz“. Wohl deshalb vermutete die ältere Forschung Großpürschütz in der Nähe von Kahla als Geburtsort. Eine Torgauer Stadtchronik berichtet, der Vater habe ein Weib aus der Mühle zu Cola nechst am Thore, die Blankenmühle genannt, geheiratet, und Walter selbst unterzeichnete des öfteren als Johannes Walter der Älter, der Geburt von Kahla in Thüringen. Er wurde, wie der Kahlaer Heimatforscher Richard Denner herausfand, von einem Verwandten namens Walter adoptiert.

Nach Besuch der Lateinschulen in Kahla und Rochlitz studierte Walter ab 1517 an der Universität Leipzig und trat 1520/21 als Sänger in der Torgauer Hofkapelle Friedrichs des Weisen (1463-1525) ein. Spätestens seit 1524 hat Walter sich musikalisch und theologisch zur Reformation bekannt: mit seiner Erstveröffentlichung Geystliche gesangk Buchleyn. Mit polyphonen Sätzen zu reformatorischen Kirchenliedern, aber auch lateinischen Kompositionen gab er den entscheidenden Anstoß zu einer reformatorischen Kirchenmusik. 1525/26 half er Luther bei der musikalischen Ausstattung der Deutschen Messe. 1526 heiratete er und erwarb bald das Torgauer Bürgerrecht. Nach dem Tod Friedrichs des Weisen wurde die Hofkapelle 1526 aufgelöst. Auf Luthers und Melanchthons Empfehlung wurde Walter ab 1527 Schulkantor der Torgauer Lateinschule und Stadtkantor einer Kantorei aus ehemaligen Kapellsängern und Torgauer Bürgern, der ersten »Stadtkantorei« überhaupt, die sich der Vokal- und auch der Instrumentalmusik widmete – Vorbild für zahlreiche andere protestantische Stadtkantoreien.

1547 verlor Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige im Schmalkaldischen Krieg Land und Kurwürde. Der Eroberer und neue Kurfürst Moritz beauftragte Walter 1548 mit der Gründung seiner neuen Hofkapelle in Dresden. Hier kam es jedoch bald zu theologischen Konflikten mit den Hofgeistlichen: Walter verweigerte sich als kämpferischer Lutheraner dem „Leipziger Interim“ mit seinen Konzessionen an den Katholizismus. Deshalb stellte er 1554, nach nur sechs Jahren, einen Antrag auf Pensionierung. Er zog sich nach Torgau zurück, wo er sein Haus behalten hatte, blieb aber sowohl musikalisch-poetisch als auch theologisch-kirchenpolitisch weiter aktiv. 1570 ist er in Torgau verstorben.

Johann Walter hat zielstrebig und unter wechselnden Bedingungen am Aufbau einer reformatorischen Kirchenmusik gearbeitet. Er hat dafür ein für die reformatorische Musikpflege vorbildliches musikalisches Repertoire zusammengestellt. Er hat städtische und fürstliche Institutionen – eine Kantorei und eine Hofkapelle – organisiert, er hat die theoretische Grundlegung der Musik im Anschluss an Luther mit Hilfe von Lehrgedichten entfaltet. Bei all dem verband er Tradition mit Aktualität. In seinen Kompositionen wollte er die traditionelle mehrstimmige »schöne Kunst« bewahren und weiterführen. Einige Texte und Melodien seiner Chorlieder wurden später zu Gemeindeliedern (z.B. Herzlich tut mich erfreuen, Wach auf, wach auf, du deutsches Land, Allein auf Gottes Wort). Seine Musikanschauung entfaltete er vornehmlich in Form von zwei Lehrgedichten (1538 und 1564). Musik und Theologie waren für ihn gleichberechtigte Schwestern:
"Sie sind in Freundschaft nahe verwandt, / dass sie für Schwestern werdn erkannt."

So steht er uns bis heute vor Augen und Ohren als Sänger des Evangeliums, der weiß:

" Die Music braucht Gott stets also / beim heilgen Evangelio."




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